Weinreben schneiden - Rebschnitt für Garten und Weingarten
Wann geschnitten wird, warum nur einjähriges Holz trägt und weshalb eine Rebe ihre Wunden nie verschliesst. Grundlagen und sanfter…
Warum die Rebe geschnitten werden muss
Die Weinrebe ist botanisch eine Liane. Sie wächst akroton, das heisst: Der Wuchs verlagert sich jedes Jahr weiter nach oben und aussen, weg von der Basis. Sich selbst überlassen, klettert sie in wenigen Jahren zehn Meter hoch, trägt Früchte irgendwo im Geäst und ist weder zu ernten noch zu pflegen.
Der Winterschnitt macht aus dieser Liane einen Busch mit begrenztem Umfang. Dass das ein massiver Eingriff ist, wird oft übersehen: In einem Drahtrahmen wird jedes Jahr der grösste Teil des nachgewachsenen Holzes wieder entfernt. Der Rebstock muss seinen Saftfluss danach jedes Mal neu organisieren.
Genau daraus ergibt sich alles Weitere - der richtige Zeitpunkt, die Wahl des Holzes und die Frage, wo genau die Schere angesetzt wird.
Der Zeitpunkt: Februar
Der Hauptschnitt gehört ans Ende der Winterruhe. In Österreich heisst das in der Regel Februar bis Anfang März, an einem frostfreien, trockenen Tag. Die Nachttemperaturen sollten nicht mehr unter minus fünf Grad fallen.
Für diesen späten Termin sprechen zwei Gründe. Erstens werden Rutenenden, die im Winter Frost abbekommen haben, beim Schnitt ohnehin entfernt - wer schon im Dezember schneidet, weiss noch nicht, was der Winter noch anrichtet. Zweitens ist der Saft dann noch unten.
Wird zu spät geschnitten, blutet die Rebe. Der Saft steigt bereits in die Triebe, und aus jeder Schnittwunde tropft es tagelang. Für den Stock ist das kein Todesurteil, aber es schwächt ihn und schwemmt die Wunde aus.
Auch der Untergrund spielt mit: Schneiden Sie bei trockenem, kühlem Wetter. Feuchte Wunden sind die Eintrittspforte für Pilzsporen. Das ist keine Kleinigkeit, wie der Abschnitt zu Esca weiter unten zeigt.
Nur einjähriges Holz trägt
Das ist die Regel, an der jeder Anfängerschnitt hängt. Trauben wachsen ausschliesslich an Trieben, die aus einjährigem Holz austreiben. Einjähriges Holz erkennen Sie an der glatten, hellbraunen, verholzten Rinde - es ist die Rute des vergangenen Sommers. Älteres Holz ist dunkler, rissiger, dicker.
Wer altes Holz stehen lässt in der Hoffnung, es werde schon tragen, bekommt Blätter und keine Trauben. Wer alles einjährige Holz wegschneidet, bekommt gar nichts.
Der Schnitt läuft deshalb immer nach demselben Muster ab:
1. Totes, krankes und schwaches Holz entfernen. 2. Die kräftigsten, günstig stehenden einjährigen Ruten auswählen. 3. Alles andere wegschneiden.
Der Schnitt am Spalier
Für eine Rebe an Hauswand, Spalier oder Pergola im Garten hat sich das Guyot-Prinzip durchgesetzt. Pro Fruchtstelle bleiben zwei Dinge stehen:
- Eine Fruchtrute (auch Bogrebe oder Strecker) mit rund acht bis zehn Augen. Sie wird waagrecht am Draht festgebunden und trägt im kommenden Sommer die Trauben.
- Darunter ein Zapfen mit zwei Augen. Aus ihm wachsen die Ruten, die im nächsten Winter die Fruchtrute stellen.
Das ist das ganze System: Der Zapfen produziert das Holz von übermorgen, die Fruchtrute die Trauben von morgen. Nach der Ernte wird die abgetragene Fruchtrute vollständig entfernt.
Wer es noch einfacher will, schneidet ausschliesslich auf kurze Zapfen mit zwei Augen. Das kostet Ertrag, ist aber schwer falsch zu machen und für eine Rebe an der Terrasse völlig ausreichend.
Die Leitäste - also Stamm und die waagrechten Kordonarme - bleiben in jedem Fall stehen. Sie sind das Gerüst und werden nicht angetastet.
Guyot, Kordon, Pergola
Guyot bedeutet, dass die Fruchtrute jedes Jahr neu gebildet wird. Der Stock bleibt klein, das System ist flexibel und der Klassiker im europäischen Qualitätsweinbau.
Beim Kordon wird ein oder werden zwei waagrechte Stammverlängerungen dauerhaft aufgebaut, aus denen jährlich Zapfen angeschnitten werden. Der Aufbau ist stabiler und braucht weniger jährliche Entscheidungen, dafür dauert die Erziehung länger.
Die Pergola ist im Hausgarten verbreitet: ein hochgeführter Stamm, darüber ein waagrechtes Dach aus Leitästen. Auch hier gilt dasselbe Prinzip - jährlich auf kurze Zapfen zurücknehmen, die Leitäste stehen lassen.
Wichtig ist nur eines: Bleiben Sie bei einem System. Wer jedes Jahr die Erziehungsform wechselt, verletzt den Stock unnötig und bekommt nie einen ausgewogenen Aufbau.
Der Sommerschnitt
Mit dem Winterschnitt ist die Arbeit nicht getan. Zwischen Juni und August folgt die Laubarbeit: überzählige Triebe ausbrechen, die Laubwand einkürzen, die Traubenzone teilweise entblättern.
Der Zweck ist Belüftung. Eine dichte, feuchte Laubwand ist der ideale Ort für Peronospora und Oidium. Wer im Sommer nichts macht, muss im Herbst mehr spritzen - oder verliert die Ernte. Der Arbeitskalender der Österreich Wein Marketing zeigt, wie sich diese Arbeiten übers Jahr verteilen.
Der wunde Punkt: Reben überwallen nicht
Hier liegt der Unterschied zum Obstbaum, und er wird fast überall übergangen. Ein Apfelbaum verschliesst eine Schnittwunde durch Kallusbildung. Eine Rebe kann das nicht.
Was stattdessen passiert, beschreibt die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt Weinsberg in ihrem Merkblatt zum wundenarmen Rebschnitt sehr anschaulich: Wird ein Trieb entfernt, werden die Gefässe, die ihn versorgt haben, nicht mehr gebraucht. Sie trocknen ein - und zwar in Form eines Kegels, der mitten im lebenden Holz sitzt. Je grösser der Schnitt und je älter das Holz, desto tiefer reicht dieser Kegel.
Über die Jahre summiert sich das. Die Verletzungen konzentrieren sich am Stammkopf, die Saftbahnen müssen die vertrockneten Bereiche umgehen, der Stock wird ungleichmässig im Austrieb und im Ertrag. Und die offenen Wunden sind das Einfallstor für Holzkrankheiten.
Schon im Standardwerk "Weinbau" von Vogt und Götz stand 1987, es sei wichtig, Stamm und Schenkel möglichst frei von grossen Schnittwunden zu halten, weil ein Überwallen bei der Rebe nicht stattfindet. Unter dem Kosten- und Zeitdruck der folgenden Jahrzehnte geriet das in Vergessenheit. Die üblichen Umtriebszeiten liegen heute bei rund 30 Jahren - obwohl die Weinqualität in Altanlagen steigt.
Sanfter Rebschnitt: vier Regeln
Die italienischen Rebschnitt-Spezialisten Simonit & Sirch haben seit den 1980er-Jahren aus der Beobachtung sehr alter, gesunder Anlagen eine Methode entwickelt, die sich auch in modernen Spalieranlagen umsetzen lässt. Die Kernregeln:
1. Die saftführenden Bahnen des Stammes bleiben unverletzt - vom Stamm über den Zapfen bis zur Bogrebe. 2. Im Kopfbereich werden zwei zweiäugige Zapfen in Zeilenrichtung angeschnitten. Das erste Auge muss nach unten beziehungsweise in Zeilenrichtung zeigen, damit die Leitungsbahn ohne Verletzung weiterläuft. 3. Zapfen immer lang anschneiden. Als Faustregel gilt: Die Eintrocknungstiefe entspricht dem 2,5-fachen Durchmesser der Schnittfläche. Wer knapp schneidet, trocknet ins lebende Gewebe hinein. 4. Niemals in die natürliche Holzbrücke schneiden. Sonst entsteht ein zu grosser Eintrocknungskegel.
Geschnitten wird ausschliesslich in ein- bis maximal dreijähriges Holz. Über die Jahre entwickelt der Stock dabei eine typische T-Form: Er baut in die Breite statt in die Höhe.
Was die Versuche zeigen
Die Methode ist keine Theorie geblieben. In Weinsberg laufen seit 2013/14 Umstellungsversuche in zwei Riesling-Anlagen, dazu Neuanlagen mit Cabernet Sauvignon und Lemberger.
In Österreich hat die HBLA und Bundesamt Klosterneuburg unter Ferdinand Regner einen Versuch zum sanften Rebschnitt angelegt: Pflanzjahr 2006, ab 2014 drei Schnittvarianten, Steilhang mit bis zu 40 Prozent Neigung, 15 Wiederholungen, Daten von 2016 bis 2020. Die Variante mit sanftem Zapfenschnitt zeigte in vielen Jahrgängen die stärkste Triebentwicklung je Stock, bei praktisch gleicher Gesamtsäure.
Ein Hinweis für die Praxis steht dort ebenfalls: Im ersten Umstellungsjahr ist mit erheblichem Zeitaufwand zu rechnen, weil bei jedem Stock entschieden werden muss, wo der richtige Schnitt sitzt.
Esca - die Krankheit hinter der Debatte
Der Grund für das Umdenken heisst Esca. Die Landwirtschaftskammer Niederösterreich beschreibt sie als komplexe Pilzerkrankung, an der vor allem drei Erreger beteiligt sind: Phaeomoniella chlamydospora, Phaeoacremonium minimum und Fomitiporia mediterranea.
Es gibt zwei Verlaufsformen. Bei der chronischen treten zwischen den Hauptadern der Blätter chlorotische Flecken auf, umrandet von gelben Höfen bei weissen und weinroten bei roten Sorten. Bei der akuten Form welkt der Stock innerhalb von Tagen komplett - Winzer nennen das Apoplexie. Von aussen war vorher nichts zu sehen.
Eine direkte chemische Bekämpfung gibt es nicht. Was hilft, sind Vorbeugemassnahmen: befallenes Holz aus der Anlage entfernen, grosse Schnittwunden und mechanische Verletzungen vermeiden, Überlastung des Stocks vermeiden, bei trockenem und kühlem Wetter schneiden, Wundverschlusspasten oder Trichoderma-Präparate einsetzen - und eben wundenarm schneiden. Die Kammer verweist zudem auf die sogenannte Rebchirurgie, bei der weissfaules Holz herausgeschnitten wird; die Erfolgsquote liegt in neueren Versuchen über 90 Prozent.
Der Rebschutzdienst der österreichischen Landwirtschaftskammern führt die aktuellen Empfehlungen dazu.
Werkzeug und häufige Fehler
Gebraucht werden eine scharfe Rebschere, für dickere Triebe eine Bypass-Astschere und für altes Holz eine kleine Säge. Reinigen Sie das Werkzeug, besonders nachdem Sie kranke Pflanzenteile geschnitten haben - Esca und andere Holzkrankheiten wandern über die Klinge weiter.
Die vier häufigsten Fehler im Hausgarten:
- Zu zaghaft geschnitten. Das ist mit Abstand der häufigste. Die Rebe wird dicht, die Trauben werden klein und faulen.
- Falsches Holz stehen gelassen. Altes Holz trägt nicht.
- Bei Frost geschnitten. Gefrorenes Holz splittert, die Wunde wird gross und unsauber.
- Jedes Jahr eine andere Erziehungsform. Der Stock kommt nie in einen Aufbau.
FAQ - Häufige Fragen zum Rebschnitt
Wann schneidet man Weinreben?
Im Februar bis Anfang März, an einem frostfreien, trockenen Tag am Ende der Winterruhe. Später steigt der Saft und die Rebe blutet aus den Schnittwunden.
Was passiert, wenn man zu spät schneidet?
Die Rebe blutet: Aus jeder Wunde tritt tagelang Saft aus. Das ist selten tödlich, schwächt den Stock aber und schwemmt die Wunde aus.
Welche Triebe tragen Trauben?
Nur Triebe, die aus einjährigem Holz austreiben - also aus den Ruten des Vorjahres mit glatter, hellbrauner Rinde. Aus altem Holz kommen nur Blätter.
Wie viele Augen lässt man stehen?
Bei der Fruchtrute nach Guyot rund acht bis zehn Augen, beim Zapfen zwei. Wer nur auf kurze Zweiaugen-Zapfen schneidet, macht am wenigsten falsch.
Was ist der sanfte Rebschnitt?
Eine Schnittmethode nach Simonit & Sirch, bei der ausschliesslich in ein- bis dreijähriges Holz geschnitten wird, die Saftbahnen im Stamm unverletzt bleiben und Zapfen bewusst lang angeschnitten werden. Ziel sind kleinere Wunden, gesündere Stöcke und längere Standzeiten.
Warum verheilen Schnittwunden bei Reben nicht?
Weil die Rebe keine Kallusbildung wie ein Obstbaum betreibt. Statt zu überwallen, trocknet das Gewebe hinter der Wunde kegelförmig ein - und zwar umso tiefer, je grösser der Schnitt war.
Muss man Weinreben auch im Sommer schneiden?
Ja. Von Juni bis August werden überzählige Triebe ausgebrochen, die Laubwand eingekürzt und die Traubenzone teilweise entblättert. Das verbessert die Belüftung und senkt den Pilzdruck.
Was ist Esca?
Eine komplexe Holzkrankheit der Rebe, ausgelöst von mehreren Pilzarten, die über Schnittwunden eindringen. Sie ist chemisch nicht bekämpfbar; vorbeugen lässt sich mit kleinen Schnittwunden, trockenem Schnittwetter und Wundverschluss.


