Chardonnay oder Morillon - dieselbe Sorte

Chardonnay und Morillon sind genetisch identisch. Die DNA-Analyse hat das zweifelsfrei nachgewiesen. Der Unterschied ist rein regional-sprachlich: In der Steiermark wird die Sorte traditionell Morillon genannt, im restlichen Österreich und international Chardonnay. Das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft führt beide Namen als anerkannte Bezeichnung.

Der Name Morillon ist ein Erbe des 19. Jahrhunderts, als in der Steiermark viele französische Rebsorten unter eigenen, oft irreführenden Namen geführt wurden - wie der bekannte Fall des Sauvignon Blanc, der lange „Muskat-Sylvaner" hieß. Morillon leitet sich vermutlich von Morillon noir ab, einer alten französischen Bezeichnung für dunkle Burgunder-Varianten. Dass die Sorte in der Steiermark heute noch den alten Namen trägt, ist ein bewusstes regionales Statement.

Auf dem Etikett: Steirische Winzer verwenden Morillon vor allem für klassische, holzfreier ausgebaute Stilistiken. Sobald Barrique ins Spiel kommt, nennen viele denselben Wein Chardonnay. Diese Unterscheidung ist nicht verbindlich, aber gelebte Tradition.

Wie viel Chardonnay wächst wo

Die Österreich Wein Marketing nennt 1.926,66 Hektar Anbaufläche, das sind 4,4 Prozent der österreichischen Rebfläche. Die Sorte hat erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts in Österreich wirklich an Boden gewonnen - vorher war sie eine Exotin, heute eine solide etablierte Qualitätssorte.

Die Verteilung:

RegionStilNamens-Tradition
Steiermark (Süd/Vulkanland)Elegant, mineralisch, oft mit HolzMorillon
Burgenland (Neusiedlersee)Vollreif, kraftvoll, oft barriquegereiftChardonnay
Niederösterreich (Kamptal, Kremstal)Mittelgewichtig, klarChardonnay
WienMeist als Gemischter Satz-BestandteilChardonnay

In der Steiermark ist Morillon eine der Leitsorten - rund 387 Hektar, verteilt auf Süd- und Weststeiermark sowie Vulkanland. Die anderen 1.540 Hektar verteilen sich auf das restliche Österreich.

Im Burgenland haben sich besondere Chardonnay-Hochburgen etabliert: Leithaberg-Nordseite, Eisenstadt, Rust, Donnerskirchen. Hier entstehen Weine, die stilistisch zwischen Puligny-Montrachet und kräftigem Neu-Welt-Chardonnay oszillieren.

Zwei Ausbau-Stile und ihre Unterschiede

Chardonnay ist die wohl formbarste weisse Rebsorte überhaupt. Zwei Haupt-Stilistiken dominieren:

Stahltank-Ausbau. Fermentation und Reifung in temperaturkontrollierten Edelstahltanks, kein Holzkontakt, meist kein biologischer Säureabbau. Das Ergebnis: frische, klare, säurebetonte Weine mit primärer Frucht (grüner Apfel, Birne, Zitrus). Alkohol moderat (12-12,5 Prozent), früh trinkbar. In der Steiermark klassischer Morillon-Stil, im Burgenland und Niederösterreich oft als Einstiegs-Chardonnay bezeichnet.

Barrique-Ausbau mit biologischem Säureabbau. Fermentation oder Reifung im Holzfass (oft 225 Liter Barriques aus französischer Eiche), gezielt zugelassener biologischer Säureabbau wandelt die scharfe Apfelsäure in weichere Milchsäure um. Das Ergebnis: dichtere, vollere Weine mit cremiger Textur, Noten von Brioche, Vanille, gerösteten Nüssen. Alkohol höher (13-14,5 Prozent), Lagerpotential deutlich länger. In der Steiermark werden diese Weine oft als Chardonnay etikettiert, nicht als Morillon.

Die Entscheidung zwischen den Stilen ist Winzersache. Beide sind legitim, sie bedienen unterschiedliche Geschmäcker und Anlässe.

Wo Chardonnay in Österreich am grössten wird

Die qualitative Spitze liegt heute in der Südsteiermark und am Leithaberg:

Südsteiermark. Auf Opok-Böden (kalkhaltiger Mergel) entstehen Morillon-Weine mit mineralischer Präzision. Weingüter wie Tement, Sattlerhof, Lackner-Tinnacher, Polz haben Morillons im Portfolio, die international mit französischen Chablis und mittlerem Burgund konkurrieren.

Leithaberg. Die Schiefer- und Kalkböden rund um Donnerskirchen ergeben Chardonnays mit Struktur, Mineralität und grossem Lagerpotential. Gernot Heinrich, Weingut Prieler, Kloster am Spitz setzen hier Referenzpunkte.

Neusiedlersee. Wärmer, fülliger, fruchtbetonter. Velich Tiglat gilt als einer der grössten österreichischen Chardonnays überhaupt - ein Beispiel für burgundische Raffinesse aus dem Seewinkel.

Vulkanland Steiermark. Vulkanische Böden geben würzige, mineralische Morillons mit eigener Stilistik. Weingut Frauwallner, Neumeister, Winkler-Hermaden haben diese Richtung ausgeprägt.

DAC und Chardonnay

Chardonnay / Morillon ist in Österreich in mehreren DAC-Regionen zugelassen:

  • Südsteiermark DAC, Vulkanland Steiermark DAC, Weststeiermark DAC: Morillon ist als Sorte zugelassen, in allen drei Stufen (Gebiets-, Orts-, Riedenwein). In der Praxis vor allem in Südsteiermark und Vulkanland qualitativ relevant.
  • Leithaberg DAC: Chardonnay ist eine der vier zugelassenen Weissweinsorten (neben Grünem Veltliner, Weissburgunder und Neuburger). Die Leithaberg-Chardonnays gelten als besonders mineralisch.
  • Weinviertel DAC: Grüner Veltliner ist die DAC-Leitsorte, Chardonnay läuft dort meist nicht als DAC.
  • Neusiedlersee DAC: Zweigelt ist die DAC-Leitsorte. Chardonnay ist dort wichtig als reinsortiger Weisswein ausserhalb der DAC-Systematik.

Seit der Ernte 2025 müssen alle DAC-Weine bio-zertifiziert oder nach „Nachhaltig Austria" produziert sein.

Wie Chardonnay schmeckt

Der grosse Reiz der Sorte ist ihre Vielseitigkeit. Ein typisches Aromenprofil gibt es nicht - Chardonnay zeigt sich je nach Region, Ausbau und Jahrgang völlig unterschiedlich.

Junger Stahltank-Chardonnay: Grüner Apfel, Birne, Zitrus, weisse Blüten, dezente Mandeln. Frisch, lebendig, klar.

Barrique-Chardonnay: Brioche, Vanille, geröstete Nüsse, Butter, weisser Pfirsich, getrocknete Ananas. Dichter, cremig, intensiver.

Gereifter Chardonnay (5-10 Jahre): Honig, Wachs, Petrol-artige Noten, geröstetes Getreide, gedörrte Steinobstnoten. Komplex, langanhaltend.

Steirischer Morillon klassisch: Zwischen Stahltank-Präzision und dezentem Holzkontakt. Oft mit einer kühlen, fast nördlichen Aromatik - grüne Kräuter, Zitrusschale, Mineralik. Weniger opulent als Neu-Welt-Chardonnay, eleganter als viele Burgenländer.

Die Säure ist ein entscheidender Punkt: Österreichischer Chardonnay hat meist mehr Säure als kalifornischer oder australischer. Das macht ihn zum besseren Speisenbegleiter.

Was zum Chardonnay passt

Chardonnay ist der wohl vielseitigste Weisswein überhaupt - je nach Ausbaustufe passt er zu sehr unterschiedlichen Gerichten.

Stahltank-Stil passt gut zu:

  • Spargel und Artischocken
  • Frischer Fisch: Forelle, Saibling, Meeresfrüchte
  • Sushi, Sashimi
  • Salate, Gemüsegerichte
  • Junger Ziegenkäse, Frischkäse

Barrique-Chardonnay passt gut zu:

  • Hummer, Langustinen, Garnelen in Butter
  • Gebratener Fisch (Zander, Seezunge, Heilbutt)
  • Kalbsbraten in Weissweinsauce, Backhendl
  • Pasta mit Sahne- oder Käsesaucen
  • Gebratenes Schweinefleisch
  • Reife Hartkäse (Comté, Parmesan, Gruyère)

Funktioniert weniger gut:

  • Rotes Fleisch mit dunklen Saucen
  • Scharfe asiatische Gerichte
  • Intensive tomatenbasierte Gerichte

Trinktemperatur: Stahltank 8-10 Grad, Barrique 10-12 Grad. Zu kalt serviert verliert der Wein die Aromenkomplexität.

Worauf beim Kauf achten

1. Ausbaustil auf dem Etikett erkennen. „Klassik" oder „Stahltank" = frischer, fruchtbetonter Stil. „Reserve", „Barrique" oder Hinweise auf Holzfass = dichterer, komplexerer Stil mit höherem Preis.

2. Region als Stilindikator. Südsteiermark Morillon = elegant-mineralisch. Leithaberg Chardonnay = straff-strukturiert. Neusiedlersee = vollreif-opulent. Vulkanland = würzig-vulkanisch.

3. Jahrgang. Kühle Jahre (2021, 2024) ergeben strukturiertere, säurebetontere Chardonnays - oft die besseren Lager-Weine. Warme Jahre (2019, 2022) bringen üppigere Stile mit höherem Alkohol.

Preise: Einstieg 10-14 Euro (meist Stahltank), Qualitätsweine 15-22 Euro, Reserve und Einzellagen 25-50 Euro, Spitzen-Chardonnays wie Velich Tiglat oder Tement Zieregg 60-120 Euro.

FAQ

Ist Morillon wirklich dasselbe wie Chardonnay?

Ja, genetisch identisch. DNA-Tests haben das zweifelsfrei bestätigt. Der Name Morillon ist eine regionale steirische Tradition aus dem 19. Jahrhundert, die bis heute verwendet wird - meist für klassische, eher holzfreie Ausbauten. Bei Barriqueausbau nutzen selbst steirische Winzer oft den Namen Chardonnay.

Wann ist Chardonnay trocken, wann Süsswein?

In Österreich praktisch immer trocken. Süsse Prädikatsweine (Beerenauslese, Trockenbeerenauslese) aus Chardonnay gibt es zwar, aber sie sind Ausnahme - üblicherweise werden dafür Welschriesling, Neuburger oder andere Sorten verwendet.

Wie lange kann man Chardonnay lagern?

Stahltank-Stile: 2-4 Jahre. Barrique-Qualitätsweine: 5-10 Jahre. Grosse Einzellagen-Chardonnays (Velich Tiglat, Tement Zieregg, Heinrich Leithaberg): problemlos 10-20 Jahre, in der Spitze auch länger.

Was macht Leithaberg-Chardonnay besonders?

Die Kombination aus Glimmerschiefer und Kalkstein ergibt mineralische, strukturierte Weine mit straffer Säure. Das ist stilistisch näher an französischem Chablis als an österreichischem Standard-Chardonnay. Der Leithaberg DAC Chardonnay gilt als einer der spezifischsten österreichischen Weissweinstile.

Warum wird in der Steiermark so oft Morillon statt Chardonnay geschrieben?

Aus historisch-sprachlicher Tradition. Der Begriff Morillon war im 19. Jahrhundert in der Steiermark etabliert, als die Sorte dort erstmals angebaut wurde. Die Bezeichnung hat sich kulturell festgesetzt - und heute wird sie bewusst als regionale Identität gepflegt.

Welcher Chardonnay für Einsteiger?

Ein steirischer Morillon oder ein einfacher Chardonnay aus Niederösterreich in der Preisklasse 10-14 Euro. Hier bekommen Sie klaren, trockenen, frischen Chardonnay ohne die Komplexität der Reserve-Stile. Einstiegsbetriebe: Weingut Polz, Lackner-Tinnacher, Hofstätter in Niederösterreich.

Was ist der Unterschied zwischen österreichischem und burgundischem Chardonnay?

Burgundische Chardonnays (Chablis, Meursault, Puligny-Montrachet) haben eine jahrhundertealte Stilistik-Tradition auf sehr spezifischen Kalklagen. Österreichische Chardonnays sind jünger in der Tradition, technisch oft präziser gemacht, und in der Spitze stilistisch zwischen Burgund und Neu-Welt angesiedelt. Mit 1.927 Hektar ist Österreich kein grosser Chardonnay-Produzent im Vergleich zu Frankreich (über 50.000 Hektar), aber qualitativ absolut konkurrenzfähig.

Chardonnay gekühlt oder zimmerwarm?

Weissweine gehören gekühlt. 8-10 Grad für Stahltank-Stile, 10-12 Grad für Barrique-Weine. Bei Zimmertemperatur wirkt Chardonnay ölig und verliert die Aromatik.