Seit der EU-Verordnung 2021/2117 vom 2. Dezember 2021 darf ein Wein offiziell als „entalkoholisiert“ bezeichnet werden, wenn er höchstens 0,5 Volumsprozent Alkohol enthält. Reduzierte, aber nicht vollständig entalkoholisierte Produkte werden als „teilweise entalkoholisiert“ gekennzeichnet. Vorher gab es EU-weit keinen einheitlichen Rahmen, das Etikett musste sich mit Hilfskonstrukten wie „Getränk aus entalkoholisiertem Wein“ behelfen.

Ein Detail, das in der Berichterstattung oft untergeht: Die Vollentalkoholisierung ist nur für Weine ohne geschützte Herkunftsbezeichnung oder geografische Angabe erlaubt. Ein DAC-Wein aus dem Weinviertel darf also nicht komplett entalkoholisiert werden und zugleich seine Herkunft auf dem Etikett behalten. Für die Praxis heisst das: Hochwertige alkoholfreie Weine laufen rechtlich oft unter einer neutraleren Kategorie.

Zum Vergleich: Auch unvergorene Traubensäfte und selbst Sauerkraut enthalten natürlicherweise zwischen 0,2 und 0,4 Prozent Alkohol. „Alkoholfrei“ bedeutet also in der Getränkeindustrie nie null, sondern nahe null.

Wie wird Alkohol überhaupt aus Wein entfernt?

Ausgangspunkt ist immer ein fertig vergorener Wein. Der Alkohol wird nachträglich entzogen, nicht durch unvollständige Gärung verhindert. Der Grund ist einfach: Ohne Gärung fehlen die Aromen und die Struktur, die einen Wein erst zum Wein machen. Drei Verfahren dominieren den Markt.

Vakuumdestillation

Das in Österreich am weitesten verbreitete Verfahren. Bei Unterdruck verdampft Alkohol bereits bei rund 28 bis 35 Grad Celsius. Der Wein bleibt also kühl, hitzeempfindliche Aromen gehen kaum verloren. Moderne Anlagen wie die von vinumis in Unterthern arbeiten in wenigen Minuten. Die flüchtigen Aromastoffe, die mit dem Alkohol verdampfen, werden in einem zweiten Schritt kondensiert und dem entalkoholisierten Wein wieder zugeführt. Ergebnis: ein Restalkohol von rund 0,25 Prozent.

Vorteil: schonend, schnell, gut steuerbar. Nachteil: Anlagenkosten im mittleren sechsstelligen Bereich, kleinere Winzer können sich das nicht leisten und lassen deshalb extern entalkoholisieren.

Umkehrosmose und Membranverfahren

Der Wein wird unter Druck durch eine halbdurchlässige Membran gepresst. Alkohol und Wasser treten durch, Aromen, Säuren und Farbstoffe bleiben zurück. Aus dem Permeat wird der Alkohol herausdestilliert, das entalkoholisierte Wasser kommt zurück in den Wein.

Vorteil: besonders schonend, das Aromenbild bleibt fein. Nachteil: langsamer, energieintensiver und bei Rotwein limitiert, weil sich die Moleküle schlechter trennen lassen.

Spinning Cone Column

Ein hochpräzises, aber aufwendiges Verfahren mit rotierenden Konussen, bei denen Alkohol und Aromen in zwei getrennten Durchläufen extrahiert werden. Erfunden in den USA, heute in Europa vor allem bei grossen Premiumproduzenten im Einsatz. Die Anschaffungskosten sprengen fast jede Winzerei, daher nur für Lohnentalkoholisierung in grossem Stil relevant.

Warum Rotwein die Königsdisziplin ist

Im Rotwein liegen Tannine, Gerbstoffe und Farbpigmente in grösseren Molekülverbänden vor. Alkohol wirkt als Lösemittel, das diese Verbindungen im Mund und in der Nase erst richtig zur Geltung bringt. Fehlt er, wird der Wein oft „dumpf“, flach, manchmal leicht süsslich-fruchtig, weil der Restzucker stärker durchdrückt. Weisswein verzeiht den Eingriff besser. Aromatisches Obst, Zitrus, grüner Apfel, Birne, alles, was auch in einem fruchtigen Grünen Veltliner oder Riesling dominiert, überträgt sich relativ verlustfrei. Deshalb ist die Welt des alkoholfreien Weissweins bereits deutlich weiter als die des Rotweins.

Wie schmeckt alkoholfreier Wein heute?

Die ehrliche Antwort: Es hängt vom Verfahren, vom Ausgangswein und vom Können des Produzenten ab. Die Bandbreite ist heute grösser als bei alkoholhaltigem Wein.

Bei aromatischen Weissweinen ist das Ergebnis oft verblüffend gut. Ein entalkoholisierter Grüner Veltliner mit 0,25 Prozent schmeckt nicht wie ein Traubensaft. Er hat Säure, Struktur, Würze, nur die Wärme im Rachen fehlt. Wer ein Glas zum Essen will, merkt den Unterschied kaum.

Beim Rotwein wird die Sache ehrlich betrachtet schwieriger. Leichte Sorten wie Zweigelt oder Pinot Noir bringen brauchbare Ergebnisse, weil sie auch in der Vollversion nicht von massiven Tanninen leben. Ein Cabernet Sauvignon oder ein Blaufränkisch mit grosser Struktur verliert dagegen viel. Was bleibt, ist Fruchtsüsse plus Tannin, aber selten die Tiefe des Originals. Dass dieser Unterschied bei intensiven Rotweinen „kaum wahrnehmbar“ sei, wie viele Marketingtexte schreiben, stimmt nach unserer Einschätzung nur für sehr junge, oberflächlich fruchtige Rotweine.

Schaumweine schneiden erstaunlich gut ab. Die Kohlensäure übernimmt ein Stück der Rolle, die sonst der Alkohol spielt, sie trägt Aromen, macht den Antrunk lebendig, kaschiert die fehlende Wärme. Nicht zufällig ist der Einstieg in die Kategorie für viele Konsumenten ein alkoholfreier Sekt oder Secco.

Diese österreichischen Produzenten sollten Sie kennen

Wer heute alkoholfreien Wein aus Österreich sucht, hat erheblich mehr Auswahl als noch vor drei Jahren. Ein Überblick über die aktuell relevanten Produzenten.

Produzent Region Typische Produkte Preis (ca.) Bezug
vinumis / Rainer Schmid Weinviertel Grüner Veltliner, Sekt, Rosé ab 9 € Direkt, Handel
Zeronimo / Heribert Bayer Neusiedlersee Grüner Veltliner, Zweigelt, Sparkling Select, Leonis Blend 15-60 € Fachhandel, Gastro
Schloss Raggendorf Weinviertel GV, Zweigelt, Chardonnay, Shiraz Rosé ab 6 € LEH, Online
Winzer Krems Kremstal Grüner Veltliner alkoholfrei ca. 11 € Online
Zantho Burgenland Verjus Sparkling Cuvée ca. 13 € Fachhandel
Brandl Weinviertel Zero Secco ca. 8 € Online
Alpdrinks Österreich GV Premium, Blaufränkisch Rosé Piccolo 5-17 € Online

Zwei Namen verdienen besondere Aufmerksamkeit. vinumis hat mit dem Projekt von Rainer Schmid die ganze Branche in Österreich angestossen und bietet heute die breiteste Sortenvielfalt. Zeronimo von Heribert Bayer spielt eine andere Liga: Der Leonis Blend ist weltweit der erste entalkoholisierte Wein, dem von Kritikern Premium-Punktzahlen auf Niveau alkoholhaltiger Spitzenweine attestiert wurden, und der Century Blend ist nach Angaben des Weinguts der erste alkoholfreie Wein, der aus einem 20 Jahre gereiften Rotwein gewonnen wurde. Beides Nischenprodukte, aber sie zeigen, wohin die Reise geht.

Beim deutschen Testsieger-Vergleich 2026 liegen die Top-Plätze für Riesling bei deutschen Produzenten wie Somée und Reichsgraf von Kesselstatt (Nullprozente-Test 2026). Der sauber entalkoholisierte Riesling ist eine der wenigen Kategorien, in denen deutsche Winzer den österreichischen klar voraus sind, was nicht überrascht: Riesling ist ein deutsches Schwergewicht.

Kalorien, Zucker und Nährwerte im Vergleich

Wer wegen der Kalorien umsteigt, hat recht. Aber nicht so stark, wie manche Werbeaussagen suggerieren.

Getränk Alkohol Zucker Kalorien pro 100 ml
Weisswein trocken (12 % vol) 12 % 2-4 g 70-80 kcal
Rotwein trocken (13 % vol) 13 % 2-4 g 80-90 kcal
Alkoholfreier Wein trocken ≤ 0,5 % 4-12 g 15-30 kcal
Traubensaft 0,2 % 15-18 g 65-70 kcal

Die Ersparnis liegt bei 60 bis 75 Prozent der Kalorien. Der Grund ist Mathematik: Alkohol bringt sieben Kalorien pro Gramm, Zucker nur vier. Ein Gramm entfernter Alkohol spart also mehr als ein Gramm hinzukommender Zucker.

Ein Haken bleibt. Entalkoholisierte Weine haben oft etwas höheren Restzuckergehalt als ihre alkoholhaltigen Originale, weil ohne Alkohol die Säure und die Bitternoten dominanter wirken. Hersteller gleichen das aus. Wer Diabetes hat oder streng auf Zucker achtet, sollte die Nährwerttabelle auf der Flasche lesen. Werte zwischen 4 und 20 Gramm Restzucker pro 100 ml sind üblich.

Ein Markt, der erwachsen wird

Die Zahlen widerlegen den Eindruck, es handle sich um einen Mode-Trend.

  • Österreich und Schweiz liegen an der Spitze: Laut NielsenIQ-Studie 2025 greifen 22 Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten regelmässig zu No- oder Low-Alkohol-Alternativen. Der globale Durchschnitt: 16 Prozent. In Westeuropa: 14 Prozent.
  • Deutschland: 44 Prozent mehr Haushalte kauften 2025 alkoholfreien Wein als im Jahr davor. Der Umsatz legte laut Circana-Handelspanel um 27 Prozent zu, während der klassische Weinmarkt im selben Zeitraum um 5 Prozent schrumpfte.
  • Treiber sind Junge: 37 Prozent der Gen Z und 31 Prozent der Millennials identifizieren sich laut NielsenIQ mit der „sober curious“-Bewegung. Bei den über 50-Jährigen liegt der Wert unter 10 Prozent.
  • Global: IWSR rechnet mit +5 Prozent CAGR zwischen 2024 und 2028 für alkoholfreie Weine, das ist mehr als für alkoholhaltige.

Die Zahl, die in der Redaktion am meisten aufgefallen ist: In Deutschland hat alkoholfreier Wein aktuell einen Marktanteil von rund 1,5 Prozent. Das klingt wenig, liest sich aber anders, wenn man bedenkt, dass alkoholfreies Bier vor einer Generation in einer ähnlichen Nische startete und inzwischen einen zweistelligen Marktanteil hat. Wein folgt dieser Entwicklung mit deutlichem zeitlichem Versatz.

Wann passt alkoholfreier Wein wirklich?

Nicht überall. Wer hier ehrlich ist, verhindert Enttäuschungen.

Funktioniert gut:

  • Apéro, Empfang, Business-Lunch, wenn man fit bleiben muss
  • Schwangerschaft (trotzdem mit Restalkohol-Hinweis, siehe FAQ)
  • Sportliche Menschen, die das Kalorienbudget im Blick haben
  • Autofahrer, die trotzdem am Abend ein Glas mittrinken wollen
  • Fastenzeit, Dry January, kurzfristige Abstinenzphasen
  • Zu leichten Speisen: Fisch, Sushi, asiatische Küche, Salate

Funktioniert weniger gut:

  • Zu kräftigen Fleischgerichten mit komplexen Saucen, hier fehlt die Struktur
  • Als Meditationswein am Kamin, da bleibt der Wein zu schlank
  • In langen Weinrunden mit Sommelier-Publikum, das auf Tiefe prüft

Gastronomie zieht langsam nach. Im Gegensatz zum alkoholfreien Bier, das in fast jedem Wirtshaus selbstverständlich ist, bieten viele Restaurants bisher kein alkoholfreies Weinglas an. Grund ist meist die Haltbarkeit: eine offene Flasche alkoholfreier Wein oxidiert schneller als eine mit Alkohol, weil das konservierende Ethanol fehlt. Gute Lokale arbeiten mit Kleinflaschen (0,2 l, 0,375 l) oder mit Coravin-Systemen.

Was macht einen guten alkoholfreien Wein aus?

Drei Kriterien, an denen Sie im Handel ansetzen können.

1. Ausgangswein. Steht auf dem Rückenetikett, aus welchem Wein das Produkt entalkoholisiert wurde? Wird eine konkrete Lage oder Region genannt, ist das ein gutes Zeichen. Anonyme Tankware gibt meist wenig her.

2. Verfahren. „Vakuumdestillation“ oder „Membranverfahren“ gehören offen kommuniziert. Fehlen solche Angaben, ist das kein gutes Signal.

3. Restzucker. Unter 8 Gramm pro 100 ml bei trockenen Produkten ist ein Qualitätsindiz. Darüber wird Zucker zur Krücke für fehlende Struktur.

Eine Faustregel aus der Redaktion: Wenn eine Flasche alkoholfreier Wein im Handel unter 5 Euro kostet, ist entweder der Ausgangswein Massenware oder die Entalkoholisierung wurde eingespart. Beides führt selten zu einem interessanten Produkt. Die Preisklasse 7 bis 15 Euro ist heute der Sweet Spot für ehrliche Qualität.

FAQ

Enthält alkoholfreier Wein wirklich keinen Alkohol?

Nein. Laut EU-Verordnung darf ein Wein mit bis zu 0,5 Volumsprozent Restalkohol als „alkoholfrei“ oder „entalkoholisiert“ deklariert werden. Die meisten österreichischen Produzenten liegen bei 0,2 bis 0,4 Prozent. Zum Vergleich: Traubensaft enthält rund 0,2 Prozent, eine reife Banane bis zu 0,6 Prozent.

Darf man alkoholfreien Wein in der Schwangerschaft trinken?

Das österreichische Sozialministerium empfiehlt in der Factsheet-Publikation „Alkohol in der Schwangerschaft“ konsequenten Alkoholverzicht. Auch Getränke mit bis zu 0,5 Prozent Restalkohol fallen unter diese Empfehlung. Wer während der Schwangerschaft einen weinähnlichen Geschmack möchte, sollte auf Produkte mit dezidiert 0,0 Prozent zurückgreifen oder Traubensaft wählen. Im Zweifel mit der betreuenden Ärztin sprechen.

Wie lange ist eine offene Flasche haltbar?

Deutlich kürzer als alkoholhaltiger Wein. Ohne das konservierende Ethanol oxidiert alkoholfreier Wein schneller und kann sogar wieder zu gären beginnen, wenn Restzucker vorhanden ist. Unsere Empfehlung: innerhalb von 24 bis 48 Stunden konsumieren, Flasche im Kühlschrank aufbewahren, am besten mit Vakuumpumpe verschliessen.

Ist alkoholfreier Wein automatisch gesünder?

Weniger Kalorien, kein Alkoholabbau in der Leber, weniger Belastung für den Kreislauf, ja. Wundergetränk ist er trotzdem nicht. Der Zuckergehalt ist tendenziell höher, der Anteil an Polyphenolen (den viel zitierten „gesunden“ Inhaltsstoffen im Rotwein) bleibt beim Entalkoholisieren zwar weitgehend erhalten, die messbaren Effekte sind aber bescheiden.

Wo kann ich guten alkoholfreien Wein aus Österreich kaufen?

Im Fachhandel, im besseren Lebensmitteleinzelhandel (Spar Gourmet, Merkur, Billa Plus) und online direkt bei den Produzenten. Plattformen wie wirwinzer.at oder Nullprozente spezialisieren sich auf die Kategorie und haben die breiteste Auswahl.

Darf ich alkoholfreien Wein vor dem Autofahren trinken?

Die Faustregel bei 0,5 Promille Restalkohol im Blut und 0,5 Volumsprozent in der Flasche: Selbst wer eine ganze Flasche alkoholfreien Wein in einer Stunde trinkt, bleibt deutlich unter dem gesetzlichen Limit. Trotzdem: In Österreich gilt für Probeführerscheine und Lkw-Fahrer die 0,1-Promille-Grenze. In diesen Fällen bitte mit dem Arbeitgeber oder der Fahrschule klären.

Kann man alkoholfreien Wein selbst herstellen?

Technisch möglich, praktisch schwierig. Die Vakuumdestillation braucht eine Apparatur, die im Hobbybereich nicht wirtschaftlich ist. Wer mit Küchenmitteln kochen oder erhitzen würde, zerstört das Aromaprofil komplett. Die Alternative ist Verjus, der Saft halbreifer Trauben. Ergibt ein säuerliches, weinähnliches Getränk, ist aber kein Ersatz für echten Wein.