Schlumberger - Österreichs älteste Sektkellerei seit 1842
182 Jahre lang wurde in Wien-Heiligenstadt Sekt produziert, im Oktober 2025 endete das. Die älteste Sektkellerei Österreichs und ihr Umzug.
Ein Kellermeister zieht der Liebe wegen nach Wien
Robert Alwin Schlumberger kam 1814 in Stuttgart zur Welt. Nach dem Tod des Vaters ging er in die kaufmännische Lehre, die ihn nach Reims führte - in den Champagnerkeller von Ruinart Père et Fils, wo er bis zum Kellermeister und Produktionsleiter aufstieg.
Auf einer Rheinschifffahrt lernte er die Wienerin Sophie Kirchner kennen, Tochter eines Industriellen. Ihre Eltern lehnten einen Umzug der Tochter nach Frankreich ab. Also zog er.
1842 begann Schlumberger in Wien mit der Erzeugung von Schaumwein nach der Méthode traditionnelle - der ersten Anwendung dieses Verfahrens ausserhalb Frankreichs. Was heute selbstverständlich klingt, war damals ein Technologietransfer im Wortsinn: Er brachte das Wissen der Champagne mit, samt Flaschengärung, Rüttelpult und Degorgieren.
Vom Hoflieferanten zur Marke
Ab 1845 sammelte der Betrieb Medaillen und wurde k.u.k. Hoflieferant. Der Gründer erhielt den erblichen Titel "Edler von Goldeck". Aus diesem Namen wurde 1859 die erste registrierte Weinmarke Österreichs: Vöslauer Goldeck.
1862 stand Schlumberger bei der Weltausstellung in London auf der Weinliste von Queen Victoria. Bis zum Tod des Gründers 1879 belieferte das Haus mehrere europäische Höfe.
Ein Einschnitt kam nach dem Ersten Weltkrieg: Mit dem Vertrag von Saint-Germain 1919 durfte das Produkt nicht mehr "Champagner" heissen. Am Verfahren änderte das nichts, an der Bezeichnung alles.
Vier Generationen, dann der Verkauf
Nach dem Gründer führten die Söhne Robert II., Otto und Gustav den Betrieb, insgesamt vier Generationen lang. 1973 ging das Unternehmen an den deutschen Spirituosenkonzern Underberg, 1986 folgte der Gang an die Wiener Börse.
2014 übernahm der schwedische Unternehmer Frederik Paulsen über die Sastre Holding die Mehrheit. Heute gehört Schlumberger zur Gruppe Marussia Beverages. Dazwischen wuchs das Haus durch Zukäufe: 2009 kam die Sektmarke Hochriegl von Kattus dazu, 2016 die Mozart Distillerie in Salzburg.
Das Ende von 182 Jahren Wiener Produktion
Am 28. Oktober 2025 eröffnete Schlumberger in Müllendorf im Bezirk Eisenstadt-Umgebung eine neue Produktionsanlage. Der Name stammt aus einem Mitarbeiterwettbewerb: House of Sparkling.
Die Zahlen dazu: ein Investitionsvolumen im mittleren zweistelligen Millionenbereich, ein 12 Hektar grosses Areal, zwei Jahre Bauzeit, rund 30 Beschäftigte am neuen Standort. Die Anlage verarbeitet nach ORF-Angaben rund drei Millionen Liter Schaumwein pro Jahr für die Marken Schlumberger, Hochriegl und Goldeck. Auf dem Dach liegt eine Photovoltaikanlage mit 500 Kilowatt Peak. Weil Grundweinlager und Produktion erstmals an einem Ort zusammenliegen, entfallen rund 1.000 Lkw-Fahrten im Jahr.
Geplant war das Projekt bereits 2019. Anrainereinwände und die Pandemie verzögerten es, der Spatenstich erfolgte 2023, produziert wird seit dem Frühjahr 2025.
Für Wien bedeutete das das Ende von 182 Jahren Sektproduktion. Der Grund war schlicht Platz: Weder in Heiligenstadt noch in Bad Vöslau liess sich erweitern. Die Firmenzentrale bleibt in Wien, das historische Kellergewölbe ebenfalls.
Die Kellerwelten in Heiligenstadt
Was in Wien geblieben ist, ist das, was Besucher ohnehin interessiert. Die Schlumberger Kellerwelten in der Heiligenstädter Strasse 39 im 19. Bezirk führen durch ein rund 300 Jahre altes Kellergewölbe.
Die Führung dauert 30 bis 45 Minuten und endet mit einer Verkostung. Geöffnet ist Donnerstag von 16 bis 20 Uhr, Freitag und Samstag von 12 bis 20 Uhr, der letzte Einlass eine Stunde vor Schluss. Öffentliche Führungen starten Freitag und Samstag um 16 Uhr, ein Audioguide steht in acht Sprachen zum Download bereit. Erreichbar ist der Keller mit U4 und U6 bis Spittelau oder mit der Linie D bis Radelmayergasse.
Was im Sortiment steht
Schlumberger deckt die gesamte Breite des österreichischen Schaumweins ab, von der Supermarktflasche bis zur Spitze.
Die Einstiegslinien liegen im Klassik-Segment der Sekt-Austria-Pyramide - dieselbe Kategorie, in der auch Kattus und Inführ produzieren, mit mindestens neun Monaten Hefelager. Dazu kommen die Ice-Secco-Varianten, die auf Eis serviert werden.
Interessanter ist die obere Hälfte. Die Reserve-Linie wird ausschliesslich in traditioneller Flaschengärung erzeugt und reift mindestens 24 Monate auf der Hefe - sechs Monate mehr, als die Sekt-Austria-Vorgaben für diese Stufe verlangen. Die Grosse Reserve geht deutlich darüber hinaus. Der 2019er Chardonnay Brut Sekt Austria Grosse Reserve wurde von Falstaff mit 95 Punkten bewertet.
Für die Reserve-Stufen gilt, was auch für alle anderen Sekt-Austria-Erzeuger gilt: 100 Prozent österreichische Trauben und Handlese.
Dazu kommt der Privatkeller aus Bad Vöslau, wo das Haus rund zehn Hektar eigene Rebfläche bewirtschaftet - Stillwein, kein Sekt.
Warum das Haus polarisiert
Schlumberger ist die bekannteste Sektmarke Österreichs und gleichzeitig die, über die Weinfreunde am wenigsten sprechen. Die Klassik-Flaschen sind das, was auf Firmenfeiern und bei Silvesterrunden ausgeschenkt wird - solide Massenware, in der Wahrnehmung eher Getränk als Wein.
Das verstellt den Blick auf die Reserve-Stufen, die den ambitionierten Winzersekten standhalten. Der Unterschied liegt weniger in der Qualität als in der Herkunft der Trauben: Ein Winzersekt kommt aus dem eigenen Weingarten, ein Schlumberger aus zugekauften Grundweinen österreichischer Vertragswinzer.
Beides ergibt guten Sekt. Nur eben nicht denselben.
FAQ - Häufige Fragen zu Schlumberger
Wann wurde Schlumberger gegründet?
1842 in Wien, von Robert Alwin Schlumberger. Es war die erste Anwendung der Méthode traditionnelle ausserhalb Frankreichs und ist bis heute die älteste Sektkellerei Österreichs.
Wo wird Schlumberger-Sekt produziert?
Seit 2025 in Müllendorf im Burgenland. Die neue Anlage "House of Sparkling" wurde am 28. Oktober 2025 offiziell eröffnet. Davor wurde 182 Jahre lang in Wien-Heiligenstadt produziert.
Kann man die Schlumberger-Keller in Wien noch besichtigen?
Ja. Die Kellerwelten in der Heiligenstädter Strasse 39 sind weiterhin für Führungen geöffnet, auch nachdem die Produktion abgezogen ist. Die Firmenzentrale bleibt ebenfalls in Wien.
Wem gehört Schlumberger?
Seit 2014 hält der schwedische Unternehmer Frederik Paulsen über die Sastre Holding die Mehrheit, das Unternehmen gehört zur Gruppe Marussia Beverages. Davor war es ab 1973 im Besitz von Underberg, bis 1973 in Familienbesitz.
Welche Marken gehören zu Schlumberger?
Neben Schlumberger selbst die Sektmarke Hochriegl (2009 von Kattus übernommen), die Weinmarke Goldeck und die Mozart Distillerie in Salzburg (seit 2016).
Was ist der Unterschied zwischen Schlumberger Klassik und Reserve?
Klassik entspricht der Einstiegsstufe der Sekt-Austria-Pyramide mit mindestens neun Monaten Hefelager. Reserve wird ausschliesslich flaschenvergoren und reift bei Schlumberger mindestens 24 Monate auf der Hefe.
Warum darf Schlumberger sein Produkt nicht Champagner nennen?
Weil der Vertrag von Saint-Germain 1919 die Bezeichnung für französische Erzeugnisse reservierte. Bis dahin wurde das Produkt in Wien als "Schlumberger Champagne" verkauft.
Was ist Goldeck?
Die aus dem Adelstitel "Edler von Goldeck" abgeleitete Marke des Gründers. Vöslauer Goldeck wurde 1859 als erste Weinmarke Österreichs registriert.


