Müller-Thurgau und Rivaner - die erfolgreichste Neuzüchtung
1882 von Hermann Müller in Geisenheim gekreuzt, heute mit 1.195 Hektar die zweitwichtigste weisse Massensorte Österreichs - und ein…
Die erste grosse Neuzüchtung der Weingeschichte
Müller-Thurgau ist die erfolgreichste Neuzüchtung der internationalen Weingeschichte. Geschaffen 1882 durch den Schweizer Botaniker Hermann Müller (genannt Müller-Thurgau nach seinem Herkunftskanton) an der Forschungsanstalt Geisenheim in Deutschland. Die Kreuzung: Riesling × Madeleine Royale (früher fälschlich als Chasselas de Courtillier bestimmt; die korrekte Identifikation erfolgte erst durch moderne DNA-Analyse).
Ziel der Züchtung war ein frühreifer, ertragreicher Wein mit dem Aroma des Riesling - aber ohne dessen Anbauanspruch. Das ist weitgehend gelungen. Müller-Thurgau reift etwa vier Wochen früher als Riesling, produziert zuverlässig hohe Erträge und gedeiht auf fast allen Bodenarten.
Als Folge der Erfolgsformel verbreitete sich die Sorte ab dem 20. Jahrhundert rasant weltweit. In den 1970er-Jahren war Müller-Thurgau die meistangebaute weisse Sorte Deutschlands. Heute ist sie deutlich zurückgegangen - Qualitätsbewusstsein hat sich zugunsten von Riesling und anderen profilierteren Sorten verlagert. Mehr zur Forschungsanstalt, an der die Sorte entstand, bei der Hochschule Geisenheim.
Wie viel Müller-Thurgau wächst in Österreich
Die Anbaufläche beträgt laut Österreich Wein Marketing rund 1.195 Hektar (2,8 Prozent der Gesamtrebfläche). Damit ist Müller-Thurgau nach Grünem Veltliner, Welschriesling und Weissburgunder eine der wichtigen weissen Sorten des Landes - allerdings mit rückläufigem Trend seit 1999.
Die Sorte wird in praktisch allen österreichischen Anbaugebieten kultiviert, ohne dass eine Region sie als Spezialität für sich beansprucht. Das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft führt die Sorte unter beiden Namen (Müller-Thurgau und Rivaner). Müller-Thurgau ist ausserdem die klassische Basis für Sturm im österreichischen Herbst.
Der Name: Müller-Thurgau oder Rivaner?
Die Sorte hat zwei Namen:
Müller-Thurgau - die klassische, offizielle Bezeichnung. In Österreich und Deutschland verbreitet.
Rivaner - eine jüngere Marketing-Bezeichnung, um die Sorte jugendlicher und zugänglicher zu positionieren. Der Name ist ein Kofferwort aus Riesling und Silvaner (basierend auf der fälschen Annahme, Silvaner sei einer der Elternteile - was heute genetisch widerlegt ist).
Beide Namen sind legitim. Österreichische Winzer verwenden oft Rivaner für den leichten, jungen Sommerwein-Stil und Müller-Thurgau für die traditionelle Variante.
Wie Müller-Thurgau schmeckt
Das Profil ist bewusst einfach und zugänglich:
Klassische Aromen:
- Grüner Apfel, Zitrus
- Leichte Muskatnote (aus der Madeleine-Royale-Seite)
- Blüten, dezent fruchtig
Struktur: Niedrige bis moderate Säure (deutlich weniger als Riesling oder Grüner Veltliner), niedriger bis mittlerer Alkohol (11-12,5 Prozent), leichter Körper.
Der typische Müller-Thurgau ist ein unkomplizierter, fruchtbetonter Weisswein für den Alltag - nicht für Kellerjahre gedacht, sondern für sofortigen Genuss.
Sturm und Junger Wein
Eine zentrale Rolle spielt Müller-Thurgau bei der Herstellung von Sturm - dem teilweise vergorenen, trüb-hefetrüben Jungwein, der in Österreich zwischen September und Oktober als Herbstspezialität getrunken wird. Die frühe Reife macht Müller-Thurgau ideal für diesen Zweck: Er ist meistens als erste Sorte bereit, wenn die Sturm-Saison beginnt.
Daneben ist Müller-Thurgau ein wichtiger Basiswein für Sekt und für einfache Heurigen-Schoppen.
Was zum Müller-Thurgau passt
Klassisch gut:
- Brettljause, Wurst- und Käseplatten
- Fisch aus heimischen Gewässern (Forelle, Saibling)
- Leichte Salate, Sommergerichte
- Sturm-Jause (Kastanien, Zwiebelstrudel, Grammelknödel)
- Asiatische Suppen
Funktioniert weniger gut:
- Rotes Fleisch, Schmorgerichte
- Komplexe Saucen, kräftige Käsesorten
Trinktemperatur: 8-10 Grad. Kühl trinken - Müller-Thurgau verliert bei Zimmertemperatur seinen Charme.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Müller-Thurgau und Rivaner?
Genetisch keine. Beide Namen bezeichnen dieselbe Sorte. Rivaner ist eine neuere Marketing-Bezeichnung, Müller-Thurgau der traditionelle Name.
Wie lange kann man Müller-Thurgau lagern?
Nicht lange. Einfache Qualitäten 1-2 Jahre, Qualitätsweine 2-3 Jahre. Die Sorte ist nicht auf Lagerfähigkeit ausgelegt - sie ist eine Sommerwein- und Alltagssorte.
Ist Müller-Thurgau trocken oder süss?
In Österreich meistens trocken oder halbtrocken ausgebaut. Die natürlich niedrige Säure führt manchmal zu leicht süsslicher Wirkung, auch bei rein trockenem Ausbau.
Warum geht der Müller-Thurgau-Anbau zurück?
Weil Konsumenten zunehmend anspruchsvoller werden. Der Grüne Veltliner bietet mehr Charakter, der Welschriesling bessere Säure, andere Sorten mehr Profil. Müller-Thurgau bleibt ein solider Alltagswein, aber die Nische wird kleiner.
Warum reift Müller-Thurgau so früh?
Weil die Kreuzung bewusst auf Frühreife ausgelegt wurde. Ein Ziel der Züchtung war ein Wein, der auch in kühleren Klimazonen (Schweiz, Deutschland) zuverlässig ausreifen kann, wo klassischer Riesling oft nicht mehr fertig wird.
Welcher Müller-Thurgau für Einsteiger?
Ein einfacher trockener Müller-Thurgau oder Rivaner aus dem Weinviertel oder der Steiermark in der Preisklasse 6-10 Euro. Das ist die Preisklasse, in der die Sorte am ehrlichsten ihren Charakter zeigt.
Was ist Sturm?
Teilweise vergorener Traubensaft (meist aus Müller-Thurgau oder anderen frühreifen Sorten), der in Österreich von Mitte September bis Ende Oktober getrunken wird. Sturm gilt rechtlich nicht als Wein, sondern als besonderes Produkt der Gärphase. Alkoholgehalt 1-5 Prozent, trüb und hefe-aromatisch.
Müller-Thurgau im internationalen Kontext
Müller-Thurgau war in den 1960er-1970er-Jahren die meistangebaute weisse Rebsorte Deutschlands - eine Zeit, in der Deutschland selbst nach Liebfraumilch und anderen leichten Süssweinen fragte. Heute ist die Sorte international stark zurückgegangen:
Deutschland: Von rund 25.000 ha (1980er) auf heute etwa 12.000 ha. Vor allem in Rheinhessen, Pfalz und Baden.
Italien (Alto Adige / Südtirol): Noch bedeutende Flächen, vor allem für Alltagsweine.
Österreich: Rückgang von 2.500 ha (1999) auf rund 1.195 ha heute (2,8 Prozent).
Schweiz: Müller-Thurgau (dort oft „Riesling-Silvaner" genannt) bleibt eine der wichtigsten Deutschschweizer Weissweinsorten.
Der generelle Rückgang zeigt: Qualitätsorientierte Konsumenten bevorzugen zunehmend profiliertere Sorten.
Die Zukunft des Müller-Thurgau
Trotz des Rückgangs wird Müller-Thurgau nicht verschwinden. Bestimmte Positionierungen funktionieren:
1. Sturm und Jungwein: Unersetzlich in der österreichischen Herbsttradition. Keine andere Sorte bietet die Frühreife und die Fähigkeit, aromatische Jungweine zu produzieren.
2. Sekt-Grundwein: Die moderate Säure und neutrale Aromatik eignen sich für Sekt-Cuvées, besonders wenn Frische gewünscht ist.
3. Alltagsweine: Für preissensitive Konsumenten bleibt Müller-Thurgau ein zugänglicher, unkomplizierter Weisswein.
4. Biologischer Anbau: Mit moderner Kellertechnik und strenger Ertragsreduktion können aus Müller-Thurgau qualitativ überzeugende Weine entstehen.
FAQ Erweitert
Welcher Müller-Thurgau ist am besten?
Weine aus kühleren Lagen mit strenger Ertragsreduktion. Steirische Müller-Thurgau profitieren vom kühlen Klima. Deutsche Top-Müller-Thurgau kommen aus Franken oder dem Rheingau von Premium-Betrieben.
Wann wird Müller-Thurgau getrunken?
Jung (innerhalb von 1-2 Jahren nach Abfüllung), gekühlt, als Aperitif, zur Jause oder zu leichten Sommergerichten. Keine Lageralterung empfohlen.
Passt Müller-Thurgau zu asiatischer Küche?
Ja, sehr gut. Die moderate Säure und die leichte Muskatnote harmonieren mit Thai-, Vietnamesen- und japanischer Küche. Weniger geeignet für sehr scharfe Gerichte.
Was ist der Unterschied zwischen Sturm und neuem Wein?
Sturm ist teilweise vergorener Saft (1-5% Alkohol, trüb). Neuer Wein ist vollständig vergorener Jungwein (11-12% Alkohol). Sturm wird nur wenige Wochen nach der Ernte getrunken, neuer Wein bis ins Frühjahr hinein.
Weiterführende Informationen und Quellen
Für vertiefende Information zu dieser Rebsorte empfehlen wir folgende Ressourcen:
- Österreich Wein Marketing - offizielle Daten zur Rebsortenstatistik und DAC-Klassifikation
- Landwirtschaftsministerium - Rechtsgrundlagen und Sortenregister
- Falstaff und Gault Millau - Wein-Kritiken und Jahrgangsbewertungen
- Jancis Robinson und James Suckling - internationale Referenz-Bewertungen
Jährliche Weinverkostungen durch die Vinothek Österreich in Gumpoldskirchen, regionale Buschenschänke und die VieVinum-Fachmesse in Wien bieten Möglichkeiten zum direkten Sortenvergleich.
Welche Entwicklungen beeinflussen die Zukunft?
Klimawandel, zunehmende Bio-Anteile, PIWI-Reben-Forschung, internationale Konsumententrends. All das formt die österreichische Weinlandschaft kontinuierlich. Welche Rolle diese Sorte in 20 Jahren spielen wird, ist offen - aber die Vielfalt der österreichischen Rebsorten ist ein Vorteil, der bleibt.
Wo kann ich mehr Weine direkt kaufen?
Im Fachhandel (Wein & Co, Vinoteca, Dornröschen), in regionalen Vinotheken direkt in den Weinbaugebieten, bei den Winzern selbst (Ab-Hof-Verkauf) und über Online-Plattformen wie Wirwinzer.at oder direkt bei den Betrieben. Österreichischer Wein ist heute breit verfügbar.


